Im „Blauen Zug“ in die Vergangenheit

Verborgen hinter den wuchtigen Mauern des Gare de Lyon im 12. Arrondissement in Paris und blau-weiß gestreiften, tief herunter gezogenen Markisen hat eines der prachtvollsten Bahnhofsrestaurants ein Jahrhundert überdauert. Wer „Le Train Bleu“ betritt, reist in die Vergangenheit und findet ein Buffet erster Klasse vor – Ausstattung, Essen und Preise vom Feinsten…

So habe ich das „Train Bleu“ im Jahr 1999 erlebt. Und so begann auch mein Artikel in einem renommierten Magazin für Bankkunden. Dabei war die Geschichte alles andere als einfach. Meine Karriere als Journalist und Fotograf war erst im Werden. Ich schlug mich mit zig Auftraggebern herum, rannte mir die Hacken ab als Zeitungsreporter und Fotograf und schrieb für etliche Stadtmagazine. Ein Lichtblick: Das Angebot einer Bank, ein Kundenmagazin aufbauen zu wollen. Dafür wurden Redakteure gesucht. Aufnahmebedingung: zwei Artikel schreiben zu Gärten in der Toscana und über Eisenbahnen. Das mit den Gärten war einfach. Ich hatte einen Bildband „Villen der Toscana“. Da waren auch Gärten abgebildet, die ich kurzerhand interpretierte. Aber Eisenbahn? Das Miniaturwunderland gab es noch nicht und Lokführer wollte ich als Kind auch nicht werden. Auch das Reisen per Bahn empfinde ich bis heute als eher lästig.

Ein Restaurant zum Verreisen

Aber ich war schon damals oft in Paris unterwegs. Ich erinnerte mich an das außergewöhnliche Ambiente eines Bahnhofsrestaurants im Gare de Lyon. Goldfarbener Stuck im Überfluss, geschwungene Decken, Wandornamente und Kleiderhaken, schwere Brokatvorhänge, eine düstere Beleuchtung und eine Bestuhlung, die entfernt an Zugabteile erinnerte. Über ein Restaurant zu schreiben, das passte mit gut ins Konzept. Wer rechnet schon mit einer Geschichte über ein Restaurant, wenn über Eisenbahnen geschrieben werden soll? Um es vorweg zu nehmen: Ich bekam zwar nicht die Stelle als Redakteur, schrieb aber als freier Journalist zwei Jahre für das Magazin, bevor es wieder vom Markt genommen wurde.

Mit Charme und Beharrlichkeit

Wie aber über ein Restaurant schreiben, über das es nur wenige Infos gab? Und Fotos wollte ich ja auch liefern. Weil damals Redakteure, die auch Fotos machten, eher die Ausnahme waren. Übrigens: 1999, da war es mit dem Internet noch nicht so weit. Recherchiert wurde über Bücher wie den „Kleinen Oeckl“, via Telefon und vor Ort. Also, den Hörer ans Ohr und mal eben im „Train Bleu“ in Paris angerufen. Geschäftsführerin Jeannette Denieaud wiegelte direkt ab: Fotos machen, geht gar nicht, erklärte sie. Man wolle die Gäste nicht durch Blitzlichtgewitter und fotografierende Menschenaufläufe stören. Und nein, ein Buch über das Restaurant gäbe es auch nicht. Inzwischen ist eines aber auf dem Markt. Und überhaupt, ich sei ja auch nicht mal eben vor Ort. Irgendwie imponierte ihr aber meine Beharrlichkeit. An meinem Französisch jedenfalls konnte es nicht gelegen haben. Vielleicht war es aber auch ein Blick auf die Uhr, der sie zu der Zusage hinreißen ließ: Wenn Sie morgen früh um 9.00 Uhr am Restauranteingang stehen, dürfen Sie eine Stunde Fotos mit der Kamera machen, aber nur aus der Hand, ohne Stativ, ohne Blitzlicht.

Mit dem Zug zum blauen Zug

Mein Blick auf die Uhr sagte mir: 17 Uhr, bloß keine Zeit verlieren. Fototasche gepackt, ab zum Bahnhof und den Nachtzug nach Paris erwischt. Ankunft am Gare du Nord, zu Fuß und überirdisch, weil noch Zeit, zum Gare de Lyon. Um Punkt Neun stand ich an der Drehtür des „Train Bleu“. Madame Denieaud war beeindruckt. Eine Stunde durfte ich Fotos machen. Um Zehn war ich wieder an der Luft und bin zurück zum Gare du Nord geschlendert. Am Canal Martin entlang zur Seine. Mein Zug nach Deutschland fuhr erst mittags. Auf jeden Fall ist daraus eine schöne Geschichte geworden. Voilà!

… so las es sich 1999

„Restaurant classé monument historique“ – nicht erst der Aufdruck auf Speisekarte und Gedeck verrät: „Le Train Bleu“ ist ein historisches Denkmal. Am 7. April 1901 erklärte Frankreichs Präsident Emile Loubet das Buffet des Gare de Lyon für eröffnet. Wohlhabende Pariser gönnten sich hier noch ein Diner mit Freunden, bevor sie in die blaulackierten Pullmanwagen der PLM-Eisenbahngesellschaft stiegen. „Les trains bleues“ wurden damals die Züge genannt, die Paris in Richtung Süden verließen. Man reiste über Lyon in die Berge nach Grenoble oder ans Meer, an die Côte d’Azur. Von diesen Zügen bekam das Restaurant seinen Namen und eine beträchtliche Anziehungskraft. Im Gästebuch hat sich schwungvoll verewigt, wer sich hier schon verwöhnen ließ: Präsidenten wie Pompidou, Mitterand und Chirac, Sänger wie Brel, Becaud und Aznavour, Schauspieler wie Lino Ventura und Jean Gabin.

Alles einsteigen

Während eine Lautsprecherstimme die Fahrgäste auf den Bahnsteigen zur Eile mahnt und der „Train à Grand Vitesse“ (TGV) Anlauf zu seinen Hochgeschwindigkeitsfahrten nimmt, scheint die Zeit im „Train Bleu“ stehengeblieben zu sein. Die barocken Deckenleuchter, üppigen Blumenbouquets nachempfunden, spenden trübes Licht. Das Mobiliar aus Mahagoni, die geschwungenen goldenen Kleiderhaken und Ablagen sind der Einrichtung eines Zugabteils nachempfunden. Sie spiegeln den Glanz der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts wider. Die Belle Èpoque gab dem Restaurant sein Gepräge: Gewaltige vergoldete Stuckbögen umspannen Wände und Decken. Üppige Frauenbüsten, Sirenen und verschmitzt lächelnde Putten umrahmen 41 gigantische Gemälde, in denen das Leben an den schönsten Plätzen Frankreichs im 19. Jahrhundert lebendig geblieben ist.

Vom Fernweh packen lassen

Im „Train Bleu“ Platz zu nehmen heißt, vom Fernweh gepackt zu werden. Französische Maler haben die Reiseziele der Reichen in Öl verewigt: das Amphitheater in Orange, die alte Brücke von Marseille, den Papst-Palast in Avignon oder die Festungsmauern von Antibes. Die Gemälde, die in Ausstellungen auf der ganzen Welt zu bestaunen waren, sind in Decken und Wände eingepasst und strahlen dank aufwändiger Restaurierung in frischen Farben. Wen die Pracht und Größe solcher Säle erschreckt, der kann sich für intimere Gespräche in die tunesische oder die algerische Lounge zurückziehen. Ein Muss ist der Gang zum „Örtchen“: So stand und saß man schon um 1900.

Die Türen schließen

Wer im Gare de Lyon nur schnell einen Happen essen will, trifft seine Auswahl an einem der zahlreichen Fast-Food-Stände an den Bahnsteigen. Den Gourmet dagegen zieht es in den ersten Stock die Marmortreppe mit dem schmiedeeisernen Geländer hinauf. Er is(s)t schließlich zum Vergnügen hier. „Pour le Plaisir“ empfiehlt Küchenchef André Signoret Spezialitäten aus der Region. Spätestens bei den Preisen hört der Spaß allerdings auf. Neben neun Weinbergschnecken aus dem Burgund für 90 Francs oder Lammkeule aus der Lozère mit grünen Bohnen zu 165 Francs wirken 250 Francs für das Menü „Rejane“ – eine halbe Flasche Mâcon Villages pro Person inklusive – beinahe günstig.

Englische Schlichtheit

Sie wollten nur mal hereinschauen, aber nicht gleich essen? Die „Big Ben Bar“ ist im Eingangsbereich des Restaurants eingerichtet. Statt an Mahagoni-Tischen und –Stühlen Platz zu nehmen, lässt man sich in blankgewetzte Ledersessel fallen und genießt eine Atmosphäre, die der englischer Clubs gleicht. Monsieur Xavier serviert hier kalte und warme Getränke. Zum Beispiel eine Kanne Tee und ein Schokoladen-Croissant. Für eine Reise in die Vergangenheit mit dem „Train Bleu“ reicht das voll und ganz. Bewundern können Sie die Pracht allerdings nur vor Ort.

Dem digitalen Zeitalter sei Dank

Das zumindest galt noch im vergangenen Jahrhundert. Dem digitalen Zeitalter sei Dank: Das „Train Bleu“ hat nicht nur eine Homepage, auf der die Speisekarte  mit aktuellen Preisen zu lesen ist. „La visite virtuelle“ lädt zu einem virtuellen Rundgang durch das Restaurant ein. Dank der erstaunlich guten Bildqualität kann man so die ganze Pracht des Art Nouveau im „Train Bleu“ bewundern, ohne einen Sous, Verzeihung, einen Cent zu investieren.

Viel Spaß beim virtuellen Rundgang:

http://www.le-train-bleu.com/fr

„La visite virtuelle“ findet sich in der unteren Menüleiste. Anklicken und loslaufen. Ich fand es toll, nach so langer Zeit das „Train Bleu“ mal wieder betreten zu haben. Noch dazu so preiswert. Aber nach Paris könnte ich auch mal wieder…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s