Türkisch für Anfänger oder Integration ist echt nicht einfach

Neulich, bei einem Blick in den Spiegel, hab ich gedacht, ich seh nicht richtig. Bist du das wirklich? Schaute mir doch Prinz Eisenherz entgegen. Die Frisur ganz nach historischem Vorbild. War der modische Schnitt mal wieder von nur kurzer Dauer.

Oh, diese Friseurin. Ist das wieder Trend, die Schläfenhaare beim Schneiden auszulassen? Mein letzter Besuch lag doch erst ein oder zwei Monate zurück. Da kann doch nicht jetzt schon alles wieder Murks sein. Jedenfalls waren die Seiten definitiv nicht proportional zum Pony. Da war auch mit dem Langhaarschneider des Rasierers nichts mehr zu retten.

Schnitte, scharf und heiß

Also, ab zum Friseur. Nur, zu wem? Zu dem zuletzt besuchten keinesfalls. Es war nicht das erste Mal, dass ich schon nach kurzer Zeit unfreiwillig zur historischen Haartracht tendierte. Drei Haareschneider kamen damit nicht mehr in Frage. Soweit immerhin ein guter Schnitt: drei Salons in drei Jahren verbraucht. Wo es noch Dutzende anderer in unserem ansonsten übersichtlichen Ort gibt. Sogar einen türkischen. Aber da gehe ich nicht hin. Ausgerechnet auf der Haupteinkaufsstraße sitzt man hinter einer großen Fensterfront wie in einem Aquarium. Aufgereiht auf einer Stuhlreihe die Wand entlang warten die Kunden. Fast immer sind es schwarzhaarige Männer mit üppigem Bartschmuck. Ich ohne Bart und grauhaarig falle da komplett auf. Vielleicht auch wegen meiner bunten Schuhe. Rasiert wird mit scharfer Klinge und heißer Flamme. Nichts für mich. Ich stehe weder auf Feuer, noch auf Messer.

Waschen, färben, föhnen

Versuch es doch bei dem Friseur in der Seitengasse, war mir eine Empfehlung im Ohr. Der schneidet gut, ist freundlich, und man braucht keinen Termin. Ideal, also. Der Laden war wirklich nicht zu verfehlen, ist mir zuvor aber nie aufgefallen. Ich also hin. Schon mal gut, der Kundin vor mir wurden bereits die Haare geföhnt. Das dürfte also schnell gehen. Dennoch trafen mich fragende Blicke. Haare schneiden? – Klar, was sonst? Bitte hinsetzen und warten. Wie auf Kommando wurde eine rege Unterhaltung im hinteren Teil des Salons fortgesetzt, die durch mein Eintreten unterbrochen war. Waschen, färben, föhnen? Nein, nur schneiden. Ich nahm auf einem der Drehsessel Platz und wurde nach oben gepumpt. Sonst heißt es immer, ob ich mich ein wenig kleiner machen könnte. Der Typ, der mir die Haare schneiden sollte, war ein überaus attraktiver Mann mit schwarzen, exakt geschnittenen Haaren und präzise getrimmtem Bart. Ganz offensichtlich Türke. Überhaupt, alles Türken, auch die Kundinnen.

Haargel? Steht mir nicht und stinkt.

Vor allem seitlich kürzer, hinten angleichen, Ohren halb frei, auf jeden Fall weg von dieser Prinz-Eisenherz-Frisur – der Typ grinste und setzte die Schere an. Ganz ohne wirbelige Bewegungen und weichen Hüftschwung. Geschnitten wurde schichtweise, die Haare hochgesteckt, die unten liegenden gekürzt. Kurze Zwischenkontrolle. Alles gut. An der Stirn ein bisschen noch. Die Ohren halb bedeckt. Ausfransen? Die Hände wechselten das Schneidwerk. Ein letzter prüfender Blick, ein Griff in den Servicewagen. Mit gekonnt gespreizten Fingern und einem Rasiermesser wurden die Seiten über den Ohren ausgefranst. Haargel? Bloß nicht. Habe ich mal ausprobiert. Steht mir nicht und stinkt. Fertig. Sieht gut aus, mal anders als sonst. An der Kasse höre ich die Friseurin von hinten: Macht zehn Euro. So billig? War ja nicht viel abzuschneiden. Es geht also nach Menge oder Gewicht. Auch schön, dann fällt das Trinkgeld halt üppiger aus. Das nächste Mal aber bitte vorn anmelden. Hier ist eigentlich nur für Damen. Wie, vorne? Wir sind ein Geschäft, vorn die Herren, hier die Damen. Ok, also doch Aquarium. Ich habe mich ja schon gewundert, dass nur Frauen in dem Salon waren. Abgesehen vom Friseur. Der war nur ausnahmsweise hinten eingesprungen. Zuhause schnell unter die Dusche, lose Haare entfernen, dann der Blick in den Spiegel: Aufatmen: Prinz Eisenherz war weg. Stattdessen glotzte mich ein Conehead an. Na toll! Integration ist echt nicht einfach.

Nachtrag:

Ich habe keine Ahnung, wer der Typ ist, der mir jeden Morgen im Bad mit seinen wirren grauen Haaren entgegenblickt. Aber er zaubert mir ein erstes Lächeln ins Gesicht, das sich zu einem breiten Grinsen entwickelt. Immerhin: das Alien ist verschwunden und auch der Prinz ist futsch. Sollte ich vor meinem nächsten Frisörbesuch die Farbe meiner Schuhe überdenken? – Nein, auf keinen Fall. Ich liebe Farbe. Und ich liebe meine neue Frisur!

Text: Oliver Wessel, Foto: Dietmar Busch auf meinem Klavierkonzert im Schaffrathhaus „Sommerzeit – wir sind bereit“, ein Abend mit Oliver Wessel am Klavier.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s