Deutsch sprechen, französisch leben

So mancher Deutsche scheut sich vor einem Abstecher nach Frankreich wegen der mangelnden Verständigung. Die Elsässer sind Fremden gegenüber aufgeschlossen. Man spricht Deutsch und ist doch Franzose.

Schuld daran ist nicht nur die wechselvolle Geschichte, die die Region immer wieder dem einen oder anderen Staat zuteilte. Die Elsässer wären gerne eigenständig, pflegen insgeheim ihre eigene Sprache neben deutsch und französisch. Diese Ungereimtheit kommt dem Reisenden zugute. Denn man spricht deutsch im Elsass und lebt doch französisch. Man weiß hier zu genießen. Sei es die herzhafte bis raffinierte Küche, die mehr hergibt als Flammkuchen, Quiche und Sauerkraut. Sei es die Vielzahl an heimischen Weinen, die Kennern ein genüssliches Schmatzen entlocken.

Ursprünglich und urig

Eingebettet zwischen dem Rhein im Osten und den Vogesen im Westen erstreckt sich das Elsass wie ein grünes Band von Norden entlang der Grenze zu Deutschland nach Süden bis zur Schweiz. Gerade mal 190 Kilometer lang und 50 Kilometer breit bietet die Region eine ungemein vielfältige Landschaft: grüne Ebenen, unwegsame Weinlagen, Wälder, die in ihrer Ursprünglich- und Urwüchsigkeit mehr Dschungel sind als Forstanlagen. Neben den drei großen Städten Strasbourg, Colmar und Mulhouse sind es vor allem die urigen, kleinen Ortschaften, die eine Tour zu einem unvergessenen Erlebnis machen. Hier scheint die Welt in Ordnung, strahlen jahrhundertealte Fachwerkhäuser eine Ruhe und Gelassenheit aus und bestechen durch ihr sauber zurecht gemachtes Äußeres.

Weltkulturerbe Strasbourg

Dabei ist das Elsass eine wohlhabende Region mit internationaler Prägung. Vor allem Strasbourg mit dem Sitz des Europäischen Parlaments ist eine moderne Industrie- und Verwaltungsstadt. Ihr kultureller Reichtum und ihre quirlige Lebendigkeit muss man erlebt, das Stadtzentrum mit seinen historischen Sehenswürdigkeiten gesehen haben. Die Stadt gehört nicht umsonst zum Weltkulturerbe der UNESCO. Insbesondere das Liebfrauenmünster mit der berühmten, astronomischen Uhr und seinem 142 Meter hohen Turm mit bester Aussicht über die Region ist ein Muss für jeden Besucher. Vier Jahrhunderte dauerte der Bau insgesamt.

Fachwerkidylle Colmar

Die feinen Fachwerkhäuser Colmars müssen herhalten, wenn es um die Idylle des Elsass geht. Die sorgsam restaurierten Häuserzeilen im Viertel Petit Venise (Klein Venedig) sind die meist gesehene und fotografierte Kulisse der Stadt. Dabei ist die Innenstadt mit seinen vielen Boutiquen, Geschäften und Restaurants durchaus erlebenswert und sichert einen vollen Tag zum Bummeln. Wer eine Pause einlegen möchte, dem sei das „Le Croissant Doré“ in der Rue des Marchands empfohlen. Ein kleiner Salon de Thé, eingerichtet in feinem Jugendstil. Betreiberin Claudine hat im Laufe von 22 Jahren ihr Café mit vielen lieb gewonnenen Sachen ausgeschmückt und sorgt für einen ganz persönlichen Charme. Die selbst gemachten Kuchen sind zudem köstlich.

Technikstadt Mulhouse

Eine Zeitreise in die frühen Jahre des Automobils erwartet die Besucher im größten Automobilmuseum der Welt, der Cité de l’Automobile. In Mulhouse haben die Brüder Schlumpf Klassiker aus den Anfängen der Motorisierung, Rennveteranen mit langer Erfolgsgeschichte, graue Eminenzen, wie den Rolls Royce Silver Ghost von 1927, und nie in Serie gegangene Visionen auf vier Rädern  zusammen getragen. Ein besonderes Augenmerk gilt der Marke Bugatti, deren 100-jähriges Bestehen im September gefeiert wird. Raritäten, Kuriositäten, Infos und interaktive Erlebniswelten komplettieren die einzigartige Sammlung. Für den Fahrernachwuchs gibt es eine eigene Abteilung mit Animationen, Testfahrten und Infos. Ausgestellt sind zudem über 100 Tretautos, gestaltet nach den großen Vorbildern. Konstrukteure wie André Citroën waren darauf bedacht, bereits Kinder an seine Automarke zu gewöhnen. So schuf er Tretautos in Form der „Ente“, des 2 CV, mit Rolldach, nach vorn zu öffnenden Türen und Pedalantrieb, oder das legendäre DS Cabrio, allesamt inzwischen von Erwachsenen begehrte Sammelobjekte.

Bewegungsparadies Elsass

Das Elsass ist aber auch unter Naturfreunden ein begehrtes Ziel. Ob als Wochenendausflug oder Urlaub, auf dem Motorrad oder im Auto, mit dem Rad, Pferd oder zu Fuß, mit dem Hausboot oder am Gleitschirm, das Elsass bietet Möglichkeiten für jede Art von Bewegungsdrang. Selbst Golfer finden hier wahre Herausforderungen. Zum Beispiel der Golfplatz LaLargue in Mooslargue nahe der Schweizer Grenze. Der Platz mit extremen Steigungen und viel Wasser ist etwas für Könner. In Ammerschwihr bei Colmar, wo die Berge mangels ausreichender Sonneneinstrahlung für den Weinanbau nichts taugen, entstand ein 18-Loch-Platz in Schieflage mit weiten, uneinsehbaren Spielbahnen. Der Schlag ins Blaue ist da vorprogrammiert, die Suche im Unterholz nach den Bällen leider auch.

 

Text und Foto: Oliver Wessel

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