Drachen gibt’s!

Drachen? Die gibt es doch nur in Märchen. Stimmt nicht! In Belgiens Provinz ist das Fabelwesen höchst lebendig. Jedes Jahr am Dreifaltigkeitswochenende ist in Mons der Teufel, äh, Drache los. Die ganze Stadt ist auf den Beinen und feiert den „Doudou“. Die Stadt nahe der französischen Grenze lockt mit kultureller Tradition und technischem Know-how. Für van Gogh war sie künstlerische Weiche.

 Unwillkürlich hat jeder Europäer in Mons schon einmal ein Zeichen hinterlassen. Sofern er die Internet-Suchmaschine Google bemüht hat. Denn der europäische Server steht in Mons, dem europäischen Silicon Valley, Hauptstadt der Provinz Hennegau südwestlich von Brüssel und Sitz des militärischen Nato Hauptquartiers. Auch Vincent van Gogh hat hier Spuren hinterlassen: 1878 kam er als Hilfsprediger in das Bergbaurevier Borinage nahe Mons, um es bereits nach zwei Jahren als Maler und Zeichner wieder zu verlassen. Anlässlich seines 125. Todestages ehrte ihn die Stadt mit einer hochkarätigen Ausstellung. Das war 2015. Da war Mons Kulturhauptstadt und zog Besucher aus der ganzen Welt an.

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Der Rathausplatz, Zentrum und Ausgangspunkt ausgedehnter Stadtbummel.

Ausnahmezustand beim Doudou

Auch wenn die Aufmerksamkeit nachgelassen hat, Mons (niederländisch auch Bergen genannt) ist eine lebendige Stadt. Hier wird gefeiert, öffentlich und hemmungslos. Ein Tuck-Tuck (dreirädriges Moped) knattert durch die Straßen – Sightseeing mal anders als in einer Kutsche oder zu Fuß.

 

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Exotisch: im Tuk-Tuk über Kopfsteinpflaster

Doch auch Kutschfahrten können in Mons ausarten: Wenn der Car d’Or, der goldene Prunkwagen, aus der Stiftskirche Sainte-Waudru gezogen wird, herrscht in Mons Ausnahmezustand. Jedes Jahr am Dreifaltigkeitswochenende feiern Tausende Menschen mit dem „Ducasse de Mons“, im Volksmund „Doudou“ genannt, die Schutzpatronin der Stadt, die heilige Waltrudis. Sie hat im Jahre 1349 die Stadt vor der Pest gerettet. Als Dank werden ihre Reliquien feierlich auf der goldenen Kutsche durch die Stadt gezogen.

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Geparkt für den nächsten Zug durch die Stadt

Drachenhaare zum Glück

Am Ende der Prozession sammeln sich die Menschen hinter dem Prachtwagen, um ihn zusammen mit den Pferden die steile Straße zur Stiftskirche hinauf zu begleiten. Der Legende nach muss der Wagen in einem einzigen Zug in die Kirche gefahren werden, sonst gibt es Unglück für die Stadt. Ist die Kutsche in Sicherheit, droht neues Unheil: Der Drache ist los. Während die Menschenmassen das Tier umringen, versuchen Wagemutige, dem Ungetüm Schwanzhaare auszureißen. Sie gelten als Glücksbringer und werden am Handgelenk getragen.

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Nicht nur Drachenhaare bringen Glück. Auch der Affenkopf am Rathaus hat magische Kräfte.

Schließlich tritt der heilige Georg dem Drachen entgegen und zwingt ihn nieder. Das Viech wird weggesperrt, um im nächsten Jahr wieder auszubrechen und den Bewohnern Glück zu bringen.

 Eine Kirche zum Träumen

So viel Trubel muss natürlich nicht sein, um die Schönheiten von Mons zu entdecken. Die reizvollen Gassen mit den pittoresken Hausfassaden, die vielen Restaurants, Cafés und Boutiquen laden das ganze Jahr hindurch zum Bummeln ein. Idealer Ausgangspunkt ist das „Dream“ in der Innenstadt. Das 4-Sterne-Hotel wurde in eine ehemalige Kapelle gebaut.

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Himmlische Träume garantiert

Säulen, Spitzbögen, Rosetten und bunte Kirchenfenster zeugen von der ursprünglichen Nutzung.

 

Vom Hotel sind es nur wenige Gehminuten zur Grand Place, vorbei an einladenden Restaurants, zum Rathaus der Stadt. Die kraftvollen gotischen Elemente sind typisch für das 15. Jahrhundert. Eine Stadtführung (auch auf Deutsch möglich) offenbart, dass der Bau prunkvoller geplant war. Geldmangel verhinderte ein weiteres Stockwerk sowie Statuen in den Säulennischen.

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Auf den ersten Blick kaum erkennbar: zwei Schelme am Brunnen im Bürgermeistergarten

Barocke Kaffeekanne

Ebenfalls gotisch und größer geplant: die Stiftskirche Sainte-Waudru. Die Kathedrale besticht durch ihr 115 Meter langes Mittelschiff und die 25 Meter hohe Gewölbedecke. Ein Turm als harmonisches Gegengewicht fehlt. Geldmangel verhinderte den Ausbau. Dafür ragt der 87 Meter hohe Belfried aus dem 17. Jahrhundert in den Himmel. Der Glockenturm ist das Wahrzeichen der Stadt und Belgiens einziger barocker Belfried. Victor Hugo beschrieb ihn salopp als massige Kaffeekanne, umgeben von vier Teekannen. Immerhin genießt man von hier aus einen großzügigen Blick über die Stadt.

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Dank dichterischer Phantasie: barocke Kaffeekanne mit vier Teekannen

Weitere Sehenswürdigkeiten: die Schachtanlage Grand-Hornu, das eindrucksvolle Schiffshebewerk von Strépy-Thieu sowie der historische Canal du Centre mit den vier hydraulischen Schiffshebewerken und idyllischen Dörfern.

Mons/Belgien
Historisches Schiffshebewerk Nummer 3
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Fahrstuhl für Frachtkähne: das moderne Schiffshebewerk Strépy-Thieu

 Weitere Infos:

www.belgien-tourismus.de

www.dream-mons.be

Text: Oliver Wessel

Fotos: Kerstin und Oliver Wessel

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