Rettet die Rituale

Ich liebe es! Dieses leise Pffffffffffffft, der kurze Tick, die hauchzarten Schleifgeräusche, die ersten Töne. Klar, es geht auch anders. Ein kurzes Ratschen, und meine Nerven liegen blank. Der  Tonarm wippt nach rechts, wieder nach links. Einfangen und wieder versuchen, anders geht es nicht. Vielleicht 1 p mehr Gewicht? Besser, den Daumen angehalten. Wupp, drin!

Ob ich sie noch alle beieinander hätte? Klar. Und ja, ich habe übertrieben, nein, geschönt. Aber das leise Pffffffffffffft, das gibt es wirklich. Nur der Tick ist mehr ein Tack. Und auch die gehauchten Schleifgeräusche hören sich manchmal nach knarzendem Holzboden an. Selbst der Klang ist nicht immer wohl im Ohr. Aber ich liebe es: die Acrylhaube hochgeklappt, die Vinylscheibe auf den Teller gelegt, den Tonarm leicht nach links geschoben und den Lift betätigt. Pffffffffffffft, der Tonkopf gleitet nach unten, Millimeter nur, dann die mäßig bis harte Landung des Diamanten in der Rille. Es geht los: MUSIK!

Auf Knien fängt alles an

Ach so, höre ich immer wieder. So umständlich machst du das. Irgendjemand zückt sein Smartphone und meint, da ist doch alles drin, was er brauche. Er murmelt was von 20 Millionen. Elfhundert und irgendwas sind es bei mir. Vinylscheiben. Diese schwarzen Scheiben, 33 mal 33 Zentimeter im Durchmesser, in Papier und Pappe eingeschlagen. Nee, nee, dafür braucht man ja Platz. Und einige große Geräte. Und Zeit. Nee, nee, dann doch lieber Ohrstecker rein und los. Unterwegs Hitparade oder was sonst in ist hören. So nebenbei. Ja, ist auch schön hin und wieder. Aber einen Sessel zurecht rücken, eine Kanne Tee oder eine Flasche Wein bereitstellen, sich vor das Plattenregal knien und von A bis Z mal schauen, worauf ich musikalisch gerade Lust habe, das ist das Schönste. Und natürlich die Zeit, zu hören, zu trinken, zu sinnieren, zu genießen. Einfach Zeit haben. Rituale pflegen.

Sauber im Klang, langweilig im Volumen

Klar, geht das auch mit CD und mp3.  Ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste CD. Mitte der 1980er Jahre wagte ich den Kauf dieses neuen Tonträgers. Ich entschied mich für „Local Hero“ von Mark Knopfler und fühlte mich beinahe selbst als Held. Der erste Silberling: 14 Musiktitel in einem Stück, beliebig abspielbar, ohne die Platte umzudrehen, kein Knacken oder Knistern mehr wie bei Vinyl- oder Schellackplatten, das war verlockend. Dumm nur, dass ich damals noch keinen CD-Player hatte. Lange stand der „Local Hero“ alleine im Regal.

Aus alt mach neu

Irgendwann war ein CD-Player gekauft. Doch die Klangrevolution floppte in meinen Ohren. Na gut, es waren die Anfänge. Heute, 30 Jahre später, verstauben die CDs in den Regalen. Musik nonstop ist angesagt. Abgespielt vom Smartphone, Server oder direkt aus dem Internet. Noch dazu kostenlos. Die Digitaltechnik hat so viel vereinfacht: Fürs Abspielen genügt ein Knopfdruck oder Daumenwischen. Fürs Aufnehmen oder Rippen auch. Inzwischen gibt es Platten- und Kassettenspieler mit eingebauter USB-Buchse. Daran wird ein PC angeschlossen. Die Musik wird während des Abspielens des analogen Tonträgers automatisch digitalisiert und als Datei gespeichert. Für den optimalen Sound sorgt eine Software. Damit klingen sogar die alten Schallplatten wie neu.

Jede Menge Platz schaffen

Auf diese Weise kann man seine alten Schätzchen auf Schellack und Vinyl konservieren. Sogar die ausgenudelten Kassetten klingen wieder super. Kratz- und Knackgeräusche werden retuschiert. Allenfalls ein Hänger auf der Rille muss per Hand korrigiert werden. Je nach Speicherformat passt die Musiksammlung auf ein paar CDs oder verschwindet auf einer Harddisk. Um sie mit Freunden zu teilen, werden die Dateien kurzerhand auf mobile Medien kopiert oder in einer Cloud deponiert. Die digitale Welt hat schon was für sich. Vor allem bereichert sie und schafft neue Möglichkeiten. Und trotzdem: Mir würde es fehlen, das Pffffffffffffft.

Musikgenuss geht anders

Um Musik zu genießen, ziehe ich die Schallplatten den Silberlingen dennoch vor. Vinyl klingt vielschichtiger, lebendiger, weicher. Außerdem mag ich die bunten Pappcover und farbigen Sonderpressungen. Und ich liebe die Rituale, eine Platte aufzulegen: die Schallplatte aus den zwei Papierhüllen gleiten zu lassen, den Staub mit der Graphitbürste zu entfernen, den Tonarmlift zu betätigen und das Aufsetzen der Nadel zu vernehmen. Vor allem aber genieße ich den breiten Tonumfang, der jede Nuance der Instrumente und Stimmen erkennen lässt. Und ja, das leise Knistern stört. Auch das Plattenwenden nach nicht einmal einer halben Stunde. Meine erste Schallplatte war übrigens „Watch“ von Manfred Mann’s Earthband, und ich spiele sie noch immer gerne ab.

Nach alten Schätzen stöbern

Und noch etwas ist zu einem wunderschönen Ritual geworden: Second-Hand Plattenläden zu durchstöbern. Für wenige Euros kann ich mir noch manchen Jugendtraum verwirklichen. Das Durchblättern der Plattencover hat etwas von Poesiealben. Alte Schätze neu zu entdecken, verloren Geglaubtes oder Vergessenes aus der Erinnerung zurück holen, über die alte Wunschliste schmunzeln. Einfach toll. Auch dieser Geruch von Pappe, alter Pappe, vergammelter Pappe, jaja, die Facetten sind reichhaltig.  Hin und wieder bekomme ich die Frage: Du sammelst Schallplatten? Nein, sammeln nicht. Anschaffen und Abspielen, ja. Der eigentliche Sinn der Frage: Magst du meine Platten haben? Im Müll sieht keiner gerne seine tonalen Träume. Ganz ehrlich? Ich nehme mich ihrer gerne an. Die haben es gut bei mir. Denn sie dürfen leben!

Gerade erlebt Vinyl ja eine Renaissance, obwohl die Schallplatten nie wirklich weg waren. Insbesondere im Bereich Klassik und Jazz sowie unter Hi-Fi Enthusiasten haben sie die digitale Revolution überlebt.

Text und Foto: Oliver Wessel

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